lügen

immer wieder
du servierst sie mir zum frühstück
unter dem ei mit schnittlauch
mischt sie mir lächelnd
in den kaffee
wie arsen mein engel
hier mein engel
alles ist gut ich kümmere
mich darum so dichtest
du meine zweifelsfugen
mit silikon ab bis
die wahrkeit aus der
wand tropft ein hässlicher
gelber fleck

sag was

sag was
erhoffst du dir
von einem land
wo die regenwolken
tiefer hängen als die
mundwinkel der freunde?
einem sumpfland,
wo kälte
ins herz kriecht
lachen im halse stecken bleibt
und kinder nächtelang husten?
einem ort wo shoppen
statt sonne für glücksgefühle
sorgen soll? sag was?
wollpullover und trübsinn
tv-soaps und wein –
deine kühnsten träume?

(2001, überarbeitet 2018)

blauplan

ein gelber lichtstreif treibt
über unseren himmel
wie ein dolch
rauchschwaden und schatten
verdecken unsere sätze

die stunde azur
glimmt im aschenbecher
mit küssen kaschieren wir
halbgare versprechen

mein atem wird knapper
der kellner räumt verschwiegene
fragen mit leeren tellern ab

(Aus: „Spüre mich“, Lyrik im Salon, 2007)

Nun erhältlich: „Tango infernal – Am Ende gehen alle“

Sarah hat alles, was sie braucht: einen guten Job, eine eigensinnige Katze und eine schöne Wohnung mitten in Hamburg. Aber reicht ein Leben ohne Sorgen, um wirklich glücklich zu sein? Als sie zufällig an einem Tango-Studio vorbeikommt, zieht sie die schwärmerische Musik sofort magisch an. Etwas in ihr rührt sich. Und der Tango weckt ihre Leidenschaft: Wenn ein Mann eine Frau mit einem Blick um einen Tango bittet und sie dicht bei sich über die Tanzfläche führt, beginnen ihre Herzen in einem Rhythmus zu schlagen. Sarah weiß noch nicht, dass zur Leidenschaft auch Eifersucht gehört. Und wenn Liebe nicht erwidert wird, verwandelt sich der Tango in etwas Gefährliches …

https://www.amazon.de/Tango-infernal-Zoe-Schreiber-ebook/dp/B072BZ21YD/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1496058315&sr=1-1&keywords=tango+infernal

 

Prolog: Buenos Aires, Recoleta, sieben Jahre später

In diesem Teil von Recoleta gibt es noch einige Straßen mit Kopfsteinpflaster, gesäumt von Bäumen, deren üppiges Grün den Menschen in den Straßencafés Schatten spendet. Nun, am Ende des Sommers, werden die Tage angenehmer und Temperaturen von über 40 Grad sind eher selten. Es kommen vermehrt Touristen – Tangotouristen aus Europa, die dem Winter in ihrer Heimat entfliehen. Hier erkunden sie die unzähligen Milongas der Stadt und kaufen Tanzschuhe.

Die Klimaanlage in Sarahs Almacen aleman, wie ihre kleine Schreibwarenhandlung heißt, läuft glücklicherweise seit einer guten Woche wieder. Vorher ist es kaum auszuhalten gewesen und Sarah hat ihren Laden mittags für einige Stunden schließen müssen. Hier im Viertel heißt sie nur “la Alemana”, die Deutsche, obwohl sie inzwischen recht gut Spanisch spricht. Neben Heften, Tagebüchern, Stiften und Briefpapier verkauft sie auch Zeitschriften, Postkarten, Zigaretten und Süßigkeiten, ein buntes Sammelsurium, wobei sie erstaunt, wie gut die altmodischen Schreibwaren laufen. Die Bewohner dieses Viertels ticken einfach ein wenig anders. Viele kommen nur zum Plaudern vorbei. Heute ist allerdings nicht viel los, sie hat bisher nur ein paar Packungen Zigaretten verkauft.

Sarah trinkt einen Schluck Mate, setzt die Lesebrille auf und versucht sich auf ihre Buchführung zu konzentrieren. Seit ihrem 40. Geburtstag sieht sie die Zahlen ohne Brille nur verschwommen. Die Türglocke, eine altmodische Schelle, bimmelt und sie schaut auf. Ein dunkelhaariger Wuschelkopf winkt zwei anderen Jungen zum Abschied zu und stürmt hinein.

“Pedrito!”, ruft sie überrascht. “Wie kommt es, dass du schon da bist?”

“Schule war heute früher aus”, gibt ihr Sohn zurück. Er besucht die erste Klasse der Internationalen Schule, die gleich um die Ecke liegt, jedoch oft spontan Konferenzen ansetzt und die Schüler nach Hause schickt. Sie umarmt ihn einen Moment lang fest und atmet seinen süßen Duft ein, bevor der Junge sich losmacht und unter ihrem Tisch verschwindet – nicht ohne sich zuvor einen Schokoriegel geschnappt zu haben.

“Iss nicht so viel Schokolade”, ermahnt sie ihn lächelnd. “Bald ist Mittagspause und dann gibt es Essen. Was magst du heute?” Dass sie direkt über dem Geschäft wohnen, ist ein Geschenk des Himmels. Pedro antwortet nicht, er ist in die Comic-Geschichte eines Superhelden eingetaucht, wo ihn keine mütterliche Stimme erreicht.

Sarah widmet sich wieder ihren Zahlen, den Einnahmen und Ausgaben, als die Türglocke ein weiteres Mal ertönt. Ein Paar betritt den Laden, das Sarah hier noch nie gesehen hat, dennoch kommt die Frau ihr vage bekannt vor. Doch wie Touristen sehen die beiden nicht aus. Der Mann, ein Endfünfziger in hellem Anzug mit passendem Hemd und Einstecktuch, wischt sich den Schweiß von der Stirn und atmet in der Kühle des Ladens merklich auf. An seinem Arm stolziert eine üppige Latina herein, die ein knallenges pinkes Kostüm zu hochhackigen Pumps trägt. Ihre Waden sind wohlgeformt und von einem Milchkaffeeton, ihre üppige Oberweite wird durch ein geschnürtes Mieder noch betont. Auf dem Kopf trägt sie einen wagenradgroßen Hut, der ihr Gesicht halb verdeckt. Sarah sieht einige Paradiesvögel in Recoleta, so dass der Aufzug der Frau sie nicht übermäßig überrascht.

Als sie droht, einen Postkartenständer umzureißen, nimmt die Frau den Hut ab und Sarahs Vermutung verdichtet sich augenblicklich zur Erkenntnis: “Juana?!”

 

vorbei

 

als es wieder an der tür klingelt

sehe ich sie durch den spion

meine eigene müdigkeit

steht frierend davor

sie rüttelt an der klinke

stapft mürrisch ums haus

während ich mich

im arbeitszimmer verstecke

unter unbezahlten rechnungen

und nassgeweinten taschentüchern

sie hinterlässt ein paket

unter dem gartentisch

darin das messer zu dem traum

den ich längst

unter der tanne

begraben habe